Zelle, Brot und Schach

Hassan Enghelabzadeh

„Lass uns einen Tee trinken.“
„Wo denn, hast du schon eine Idee?“
„Ja, unten im Café, da wo dieser behaarte Typ arbeitet, neben dem Imbiss. Weisst du wo ich meine?“
„Wenn wir hier runter laufen die zweite Strasse links rein. Meinst du das Café?“
„Ja genau.“
„Da bin ich nicht so gerne. Lass uns noch eine Strasse weiter laufen, an der Blumenverkäuferin vorbei und dann links, da ist ein angenehmes Café. Lass uns dort sitzen.“
„Gut.“
Das ist ein Gedankenspiel in einer Zelle, eine kurze Flucht aus der Realität. Viele Möglichkeiten hat der Körper nicht, doch der Geist ist in der Lage Bilder zu malen. Bilder aus einer Realität, wo der Körper noch frei war. Die Augen umherschweifen konnten und neue Eindrücke aufgenommen haben. Wo die Blicke nicht an der nächsten Zellenwand gestoppt werden oder in den traurigen Augen der Mitinsassen.
„Lass uns in den Norden fahren, ja? Wir müssen die Strasse runterlaufen, siehst du die Kreuzung dahinten, da hält der Bus.“
„Lass uns fahren. Die Strecke ist schön. Ich vermisse die Berge.“
Im Bus sitzend wird die Landschaft fast real vor deinen Augen.
„Siehst du die Berge da, mit dem Schnee drauf, und guck die Vögel wie sie am Himel entlangziehen. Was für eine schöne Aussicht.“
„Oh guck, ein Adler hier auf dieser Seite.“
„Den hab ich verpasst, ich hab mir gerade die Bäume angeguckt.“
Eine Reise ohne den Ort zu verlassen, eine Reise in Gedanken, die sich doch so real anfühlte. Um soviel muss man sich im Gefängnis Gedanken machen, wie geht es den Genossinnen in Haft, wie denen die (noch) draussen sind, wann werde ich zum Verhör geholt. Wer ist noch am Leben? Wie geht es meiner Familie? Der Geist hat kaum Ruhe. Sie versuchen nicht nur deinen Körper zu brechen sondern auch deinen Geist, deinen Willen.

Wenn die Zeiten der Verhöre fertig waren, mindestens einen Monat dauerten diese, einige waren dort auch 2 Jahre lang, dann konnte der Geist erst langsam eine Form der Ruhe finden. Davor sind die Gedanken geprägt von der Ungewissheit. An Gedankenspiele oder Bastelarbeiten ist da gar nicht zu denken. Verhöre und Folter bestimmten den Geist und den Körper. Dieser Text soll nicht den Eindruck erwecken das Gefängnis wäre eine langweilige Institution gewesen, wo es nur darum ging, Zeit totzuschlagen. Den Grausamkeiten, die in diesen Gefängnissen stattgefunden haben, soll der Wille der Gefangenen entgegengestellt werden. Der Wille zu leben, zu schaffen.

Es gab verschiedene Beschäftigungen im Gefängnis, dies war eine Möglichkeit sowohl die Zeit totzuschlagen als auch die Gedanken zu befreien. Nicht alle beteiligten sich daran. Einige lernten Gedichte auswendig, wieder andere sassen da und wir wußten nicht was in ihren Köpfen vor sich ging.

Schach war ein sehr beliebter Zeitvertreib, sowohl das Schachspielen als auch das Basteln von Schachfiguren. In jeder Zelle wurde Schach gespielt. Die Figuren mussten selbst gebaut werden. Eine Herausforderung, wenn die Materialien nicht leicht bzw. gar nicht zu erhalten sind. Eigentlich gab es nur Brot, welches dafür benutzt wurde. Es gab Figuren welche ganz schnell gebaut wurden, nur um schnell Schach spielen zu können. Es gab auch lange Projekte, wo teilweise eine ganze Woche lang nur an den Figuren gebaut wurde. Während er mir das erzählt, geht mir immer wieder Stefan Zweig´s Schachnovelle durch den Kopf. Der Drang, den Geist beschäftigt zu halten, sich abzulenken. Der Kampf gegen einen übermächtigen Gegner.
Während er davon erzählt reibt er seine Finger aneinander als würde er diese Figuren nachbauen. Er beschreibt die aufwendig gemachten Figuren mit einer Freude. In solch einer Situation etwas schönes erschaffen zu können, scheint eine kleine Genugtuung zu sein. Dass die Figuren bei der nächsten Inspektion eingesammelt würden, tat dem keinen Abbruch. Sie fingen halt von vorne an. Sie färbten die schwarzen Spielfiguren mit Zigarettenasche. Sie spielten Schach als Zeitvertreib, sie schauten anderen beim spielen zu. Sie erschafften ihre eigene Beschäftigung. Einige machten Blumensträuße aus Brot, wunderschöne Sträuße, farbenfroh. Er lächelt über das ganze Gesicht, als er davon erzählt. Es kam nicht selten vor, dass Wärter diese Blumensträuße einpackten und mit nach Hause nahmen.
Seit ich ihn kenne, macht er mit seinen Fingern etwas aus Papier. Er rollt kleine Bälle, bastelt Blumen oder Zylinder. Die Finger sind selten ruhig. Der Drang, etwas zu schaffen scheint unstillbar zu sein. Ich sehe sie vertieft an diesen Figuren basteln, um mit noch so wenigen Mitteln doch etwas großes zu erschaffen. Geblieben ist davon nichts ausser die Erinnerung. Aus dem Gefängnis kam nichts nach draussen. Wenn die Wärter die Zellen ausräumten lagen die Schätze in den Fluren zwischen dem Müll. So war es ihnen möglich, einen Blick auf die Kunstwerke der anderen zu werfen. Alles wurde zerstört. Nur der Wille nicht. Zumindest nicht von jedem. Wenn sie es geschafft hatten, einen Stift oder auch nur eine Nadel zu entwenden, dann wurden Zeichnungen an die Zellenwand gemalt bzw. gekratzt. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der es geschafft hatte, aus dem Gefängnis zu fliehen und an jeden Tisch, an dem er sass, kratzte er mit einer Gabel dieselbe Figur hinein. Einen Mann mit einem Schnäuzer und Hut. Keine politische Zeichnung und doch sehr politisch, wenn es im Zusammenhang gesehen wird. Viele machten einfach Striche an der Wand, um nicht zu vergessen, wieviele Tage sie bereits drinnen waren. Nach einer Weile wurde die Zeit sehr schwer einschätzbar. Gedichte wurden in die Wand gekratzt, selten auch politische Parolen. Er erzählte mir auch von der Wand im Gefängnishof. Eine unscheinbare Wand. Eines Tages wurde sie nass gemacht und es bildete sich ganz leicht eine alte Zeichnung ab, in der ein Hadji-Firouz (eine Figur aus der iranischen Volkskultur) mit einer Krone auf dem Kopf abgebildet war – eine Anspielung auf den Schah Reza. Vor 1976 war es sehr schwer in den Gefängnissen, doch es gab nach 1976 einen spürbaren Wandel. In dieser Zeit wurden auch Theaterstücke geschrieben und gespielt. Eine Zelle war für das Schreiben verantwortlich, eine andere Zelle übernahm das Schauspielen. All diese Tätigkeiten hingen teilweise nur an einigen Personen, welche bewandert waren in diesen Bereichen und die anderen animieren konnten. Kein Theaterstück, welches von der Gefängnisleitung initiiert wurde, um die Gefangenen zu beschäftigen, sondern eines, welches komplett von den Gefangenen geplant und durchgeführt wurde. Natürlich gegen den Willen der Leitung und der Wärter. Geschichten von Liebe und Trauer, Komödien und Tragödien. Kein Aufruf zu einer Revolte, sondern die Erinnerung an die Lieben, die Familie und an die Genossinnen, nicht politisch und doch so politisch.

Er erzählte mir, wie während der Zeit der islamischen Republik in den Zellen abends gesungen wurde. Seine Stimme wird ruhiger, der Raum wird schwer, seine Augen wandern im Raum als würde er die Situationen wieder vor sich sehen. Er erzählt, wie es überall still war, damit so viele wie möglich dem Gesang lauschen konnten. Es waren iranische Volkslieder, die gesungen wurden. Jede Person, die ihre Stimme benutzen konnte, sang. Er streift sich über seinen Schnurrbart, und beginnt zu lächeln. Eines Abends schob ein Wärter seinen Stuhl nah an die Zelle, aus welcher der Gesang kam, doch als auch andere mit weniger begnadeten Stimmen mitsangen, klopfte er laut gegen die Zellentür und Verbot denen, die nicht singen konnten, das Mitsingen. Falls es die Möglichkeit gab, ein Stück Gummiband zu entwenden und einen Karton zu beschaffen, konnte sogar eine ganz kleine und leise Laute gebaut werden, welche den Gesang begleitete. Ich stelle mir die Ruhe vor, die nötig war, um solch ein Instrument auch in den anderen Zellen hören zu können. Eine schwere Stille. Welches Gefühl diese Musik ausgelöst haben muss, kann ich mir nicht vorstellen.
Ein bekanntes Lied war „Mara Beboos“, der Geschichte nach (welche als frei erfunden gilt) soll das ein Vater im Gefängnis für seine Tochter geschrieben haben, bevor er hingerichtet wurde. Als dieses Lied angestimmt wurde, war es so ruhig in den Zellen, dass sogar die Wärter Angst bekamen und glaubten, es würde gleich etwas passieren.

Unter welchen Anstrengungen die Menschen versucht haben, etwas zu erschaffen, sich selbst und andere zu motivieren, kreativ zu sein, sich nicht aufzugeben, erscheint mir wie eine übernatürliche Kraft. Dieser Widerstand, sich nicht brechen zu lassen, zeigte sich nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Verhören und dem Umgang, welchen sie mit den Wärtern und der Leitung hatten. Diejenigen von denen, von ich diese Geschichten gehört habe, haben sich nie klein gemacht, geduckt oder nachgegeben, trotz der Folter und den Ermordungen. Wenn sie von dieser Zeit erzählen, habe ich das Gefühl, dass sie gegen diese unmenschlichen Bedingungen gesiegt haben, auch wenn sie dabei soviel verloren haben.