Anarchist*innen für ein freies Palästina
„Die Geschichte eines Volkes ist eine mächtige Waffe. In den Händen der Unterdrücker wird die Geschichte verdreht und karikiert. Im Arsenal der Revolution hilft sie uns, die schwierigen Lehren aus vergangenen Kämpfen zu ziehen und den Widerstand zu erkennen, der sich dem Feind immer entgegengestellt hat“ – The Weather Underground
Die heutige Demonstration in Solidarität mit Daniela Klette und allen staatlich Verfolgten und Untergetauchten ist für uns eine Gelegenheit, an die radikale Geschichte in Berlin anzuknüpfen. Das Eingangszitat des Weather Underground, einer revolutionären bewaffneten Gruppe, die von 1969 bis 1977 in den sogenannten „USA“ aktiv war, verdeutlicht, wie zentral Geschichtsbewusstsein und revolutionäre Mentalität miteinander verbunden sind. In Berlin schaffen es der Staat und seine Repressionsorgane leider immer wieder, uns von den revolutionären historischen Kämpfen dieser Stadt abzukoppeln. Dann bewegen wir uns isoliert, manchmal arrogant gegenüber denen, die vor uns hier waren. Wir denken dann vielleicht, dass wir die ersten sind, die über die Zerschlagung der Verhältnisse nachdenken. Dann übersehen wir die Spuren und die Präsenz der rebellischen Geschichten. Die Stadt Berlin ist voll von Geschichten über revolutionäre Kämpfe, Aufstände gegen koloniale Unterdrückung, queere Aufstände. Die herrschende Erzählung versucht, all diese Menschen und Kämpfe unsichtbar zu machen. Umso wichtiger ist es, dass wir sie erzählen und uns mit ihnen verbinden.
In Bezug auf die Palästina-Solidarität beschäftigen wir uns zu Recht viel mit der Repression dagegen, mit den zionistischen Verstrickungen des deutschen Staates, aber auch von Teilen der sogenannten „Linken“, und den Folgen für das palästinensische Leben in Deutschland, für die antikolonialen Kämpfe in dieser Stadt, dem antimuslimischen Rassismus, der sich daraus speist. Wir sind dann oft gezwungen, die Geschichte der Unterdrücker zu erzählen, den deutschen Staat und seine Beziehungen zu „Israel“, die Antideutschen in den Institutionen, die Polizisten, die Demos auflösen. Leider vergessen wir aber manchmal, unsere Geschichten des Widerstands zu erzählen und damit an die antikolonialen Kämpfe anzuknüpfen, die es in dieser Stadt schon immer gegeben hat, und so unsere eigene Geschichte weiterzuschreiben.
Die 1970er Jahre in Berlin waren geprägt von der Rebellion gegen Staat und Kapital. Als die Massenbewegung gegen den US-Krieg in Vietnam an Fahrt gewann, zogen Studenten und andere radikale Gruppen in Berlin zunehmend Parallelen zum Schicksal der Palästinenser und erklärten sich mit deren Befreiungskampf solidarisch. Von diesem Zeitpunkt an war die Solidarität mit dem palästinensischen Kampf auf der linken Seite des westdeutschen politischen Spektrums fest verankert, von den bewaffneten Guerillas der Roten Armee Fraktion, der Bewegung 2. Juni und den Revolutionären Zellen (die von der Volksfront zur Befreiung Palästinas ausgebildet und unterstützt wurden) bis hin zu den Jusos, die der Sozialdemokratischen Partei (SPD) angeschlossen waren.
Die Verbindung zwischen der DDR und Palästina war eine der Unterstützung und des Austauschs, natürlich im staatlichen Interesse. Am 22. Juli 1982 protestieren rund 600 studentische Mitglieder der Freien Deutschen Jugend auf einer Solidaritätskundgebung im Ostberliner Plänterwald gegen den israelischen Militäreinsatz im Libanon. Sie bekundeten ihre Solidarität mit den „zertrampelten Völkern“ Palästinas und des Libanon und forderten den sofortigen Abzug der israelischen Truppen.
Die Palästinenser selbst spielten eine zentrale Rolle im Kampf für ein freies Palästina in Deutschland. Studierende aus Palästina verbreiteten Informationen über den Kampf in ihrer Heimat und bildeten zahlreiche Solidaritätskomitees auf lokaler Ebene. Damit trugen sie zur allgemeinen Radikalisierung der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre bei, die von den Kämpfen im globalen Süden inspiriert war. Nach der Geiselnahme israelischer Sportler während der Olympischen Spiele 1972 in München wurden Hunderte von Palästinensern als eine Form der Kollektivstrafe aus Deutschland abgeschoben. Die Palästinenser in Deutschland bildeten zivilgesellschaftliche Bündnisse mit linken Gruppen, Kirchen und anderen Akteuren.
Im Libanon erschienene Zeitschriften berichteten damals ausführlich über die wachsende Unterstützung für die palästinensische Sache in Westdeutschland. Die Leser in Beirut konnten Bilder von Demonstrationen in Heidelberg, Frankfurt und West-Berlin studieren oder über Organisationen wie die Liga gegen den Imperialismus, den Marxistischen Studentenbund Spartakus oder den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) lesen.
Dies sind nur einige Beispiele für die Geschichte der Kämpfe für ein freies Palästina in der Geschichte Berlins. Die Unsichtbarmachung dieser Kämpfe, wie auch vieler anderer antikolonialer Kämpfe in dieser Stadt, beschönigt nicht nur die radikale Geschichte der Stadt, sondern spielt auch den Unterdrückern in die Hände. Migrantengruppen wie die „Antifa Genclik“ haben eine zentrale antifaschistische Geschichte dieser Stadt geschrieben. Türkisch-kurdische Frauen haben in besetzten Häusern in Kreuzberg Treffpunkte für Frauen geschaffen. Die sogenannte „Schwule Internationale“ formierte sich 1991 als migrantisch-queere Antwort auf die rassistische Propaganda im wiedervereinigten Deutschland. Und es gibt Hunderte, Tausende solcher Geschichten. Wie der Weather Underground sagte, sollten wir die Geschichten des Widerstands kennen, um aus ihnen zu lernen und kämpferisch in die Zukunft zu blicken. Viele mutige Genossinnen und Genossen haben die Kämpfe für ein befreites Leben auf diesem Stück Erde, auf dem wir leben, immer angeführt. Viele haben dabei alles riskiert und sogar ihr Leben verloren. Viele sind noch immer im Gefängnis oder im Untergrund. Wir wollen die Verbindung zu den Revolutionären vor und nach uns herstellen, was uns nicht nur Kraft gibt, sondern grundlegend ist für eine revolutionäre Perspektive für die Befreiung aller.
Befreit alle Gefangenen, hier und weltweit!
