Heinz
Alois Prinz hat am Ende seiner Biografie über Ulrike Meinhof „Lieber wütend als traurig“ aus dem Jahr 2005 getan, was wohl die wenigsten Biografen tun, er hat ihr Grab in Berlin auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof besucht und dabei ist Aufschlussreiches zutage getreten. Auf ihrem Grabstein sollte der Spruch eingraviert werden: „Freiheit ist nur im Kampf um Befreiung möglich“, was von der Friedhofsverwaltung verweigert wurde. Der heiligste Begriff im Wortschatz der fortschrittlichen Menschheit, der Freiheit, mit der Freiheit, da hat der deutsche Spießer so seine Schwierigkeiten.
Zeigt diese Verweigerung nicht das sklavische Flennen von Seelen in einem Totenhaus? Die RAF war der Versuch, nicht aus dem Totenhaus BRD zu fliehen, sondern es in Schutt und Asche zu legen. Der Kampf geht weiter gegen eine kleine Schmarotzerclique, die sklavisch den Euro anbetet und Deutschland insbesondere im imperialistischen Zusammenhang mit einem heraufziehenden dritten Weltkrieg in ein Totenhaus verwandelt. In dem Auflösungsdokument der RAF vom 20. April 1998 war zu lesen: „Die RAF war der revolutionäre Versuch einer Minderheit – entgegen der Tendenz dieser Gesellschaft – zur Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse beizutragen. Wir sind froh, Teil dieses Versuchs gewesen zu sein. Das Ende dieses Projekts zeigt, dass wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten, aber es spricht nichts gegen die Notwendigkeit und Legitimation der Revolte.“
Die RAF agierte im Sinne von Heinrich Heine: Während meine Kollegen karrieristisch auf den Kopf des (damals preußischen) Adlers schielten, achtete ich mehr auf seine Krallen. Sie agierte auch im Sinne von Bertolt Brecht: Was ist ein Banküberfall gegen die Gründung einer Bank? Und im Fall von Daniela Klette kann die Frage aufgeworfen werden: Was ist ein Überfall auf den Wagen einer Geldtransportfirma? So denn ein solcher überhaupt vorliegt, im derzeitigen Prozess in Celle bröckelt die Anschuldigung doch recht arg.
Neben einer plumpen Kriminalisierung, nach dem XY Zimmermann-Muster gab es eine raffinierte Ästhetisierung der RAF durch einen plakativen Kult, der den sozialen Inhalt verdeckte und von einer inhaltlichen Auseinandersetzung ablenkte. Filterung von Informationen und geschicktes Manipulieren mit einer Bilderwelt vereinnahmten die RAF bis zur Unkenntlichkeit ihres humanistisch-sozialen Kerns hin zu einer Poster Ikonographie: Die Fahndungsplakate des BKA als ideale Vorlage für Reproduktionen im Stil Andy Warhols.
Und ihr Wirken war nicht umsonst. Auf sie trifft auch zu, was Lenin über die Intellektuellen Russlands gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrieb, die 1881 den Zaren Alexander den Zweiten hinrichteten. “Sie haben den höchsten Opfermut entwickelt und die ganze Welt durch ihre heldenhafte terroristische Methode des Kampfes in Erstaunen gesetzt. Sicher fielen diese Opfer nicht umsonst, sicher haben sie sowohl in direkter als auch in indirekter Weise zur späteren revolutionären Erziehung des russischen Volkes beigetragen. Aber ihr unmittelbares Ziel, das Erwachen einer Volksrevolution, haben sie nicht erreicht und nicht erreichen können“. (Lenin, Ein Vortrag über die Revolution von 1905, Werke, Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1959,251).
