Redaktion
Aktuell läuft der Prozess gegen Daniela wegen mehreren (angeblichen) bewaffneten Enteignungen. Das was Staatsanwälte, Richter und bürgerliche Journalisten hier als Raubüberfälle bezeichnen, sind für uns Enteignungsaktionen im Klassenkampf. Um ein bisschen Ordnung in das Begriffschaos zu bringen und um die Interpretation der vermeintlichen Aktionen unserer Genossin nicht der Klassenjustiz zu überlassen, haben wir entschieden uns in diesem Schwerpunkt dem Thema proletarische Enteignung zu nähern. Das Thema ist natürlich sehr umfassend, weswegen wir uns hier nur ein paar Beispiele herauspicken können. Wegen des Umfangs des Themas müssen wir diesen Schwerpunkt außerdem in mehrere Teile gliedern. Wie viele es sein werden, können wir an dieser Stelle noch nicht sagen. Lasst euch überraschen.
Mit der Veranstaltungsreihe „Die Eigentumsfrage zur Hauptfrage machen“, welche vor ein paar Monaten durch Deutschland tourte, wurde die Diskussion um die Verteilung von Eigentum im Kapitalismus und die daraus resultierende Notwendigkeit dieses Eigentum umzuverteilen wieder angeheizt. Zwar konnten wir die Veranstaltung selbst nicht besuchen, wir sind uns aber sicher, dass dies einen guten Beitrag in der wichtigen Diskussion ist, die die proletarischen Bewegungen seit Jahrhunderten führt bei der die Eigentumsfrage gestellt wird.
Zeiten des dauerhaften „Teurerwerdens“ von wirklich allem – Mieten, Lebensmitteln, generell Lebensunterhaltungskosten, wodurch wir noch stärker merken, dass wir Monat für Monat zu wenig Geld zur Verfügung haben, zwingen uns das Thema förmlich auf. Somit soll dieser Schwerpunkt ein Teil dazu beizutragen, wie die zuvor genannte Veranstaltung auch, diese zentralen Frage in den Fokus zu rücken.
Was bedeutet Enteignung?
Der Begriff der Enteignung ist sowohl juristisch als auch politisch und ökonomisch vielschichtig und historisch stark geprägt. Während er im rechtlichen Sinne zunächst den staatlich geregelten Entzug von Eigentum bezeichnet, erhält er insbesondere im marxistischen Denken eine grundlegend andere Bedeutung. Karl Marx versteht Enteignung nicht nur als einen einzelnen politischen Akt, sondern als ein strukturelles Moment kapitalistischer Produktionsverhältnisse. In Das Kapital analysiert er, wie die Lohnarbeitenden durch entfremdete Arbeit systematisch vom von ihnen geschaffenen Mehrwert getrennt werden und somit eine fortwährende Enteignung erfahren. Zugleich entwickelt Marx mit der Forderung nach der „Expropriation der Expropriateure“ eine revolutionäre Perspektive, in der diese Verhältnisse überwunden werden sollen. Der folgende Auszug dient als Einstieg in diese Diskussion und führt zentrale Begriffe ein, die im weiteren Verlauf näher untersucht und kritisch reflektiert werden.
„Als Enteignung (im 19. Jahrhundert entlehnt aus dem Französischen expropriation, zu lateinisch proprius, also „eigen“, „eigentümlich“) bezeichnet man juristisch den Entzug des Eigentums […] durch den Staat, im Rahmen der Gesetze und gegen eine Entschädigung. In der Umgangssprache wird auch die Konfiskation, der entschädigungslose Entzug, oft als Enteignung bezeichnet. Die Enteignung von Produktionsmitteln bzw. Unternehmen wird meist als Verstaatlichung bezeichnet, die Enteignung von Grund und Boden in großem Stil als Bodenreform oder Landreform (Land als Synonym für Grundbesitz). […]
Flächendeckende Konfiskationen („Enteignungen“) gibt es beispielsweise nach Eroberungskriegen, wenn die Sieger den Verlierern alles wegnehmen, oder nach starken innenpolitischen Veränderungen wie Revolutionen. […] Im Marxismus wird es als ökonomisches Gesetz des Kapitalismus bezeichnet, dass die Lohnabhängigen (Arbeiter) durch entfremdete Arbeit enteignet werden, indem man ihnen den Großteil des von ihnen erarbeiteten Mehrwerts vorenthält. Diese Situation könne nur durch revolutionäre Aneignung der Produktionsmittel durch das Proletariat überwunden werden (hier ist mit Aneignung, die entschädigungslose Konfiskation gemeint).
Karl Marx verwendet in seinem Hauptwerk Das Kapital das lateinische Fremdwort für Enteignung: Expropriation. Er versteht darunter zum einen die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft in Klassengesellschaften, zum anderen die Expropriation der Expropriateure, also die Enteignung der Besitzer von Produktionsmitteln durch ökonomische oder politische Gewalt im Interesse einer sozialen Klasse. […] Daher forderte er programmatisch eine „Expropriation der Expropriateure“.
Durch die Solidarität und das Klassenbewusstsein der lohnabhängigen Proletarier sollte eine soziale Revolution vorbereitet werden, in deren Verlauf die Masse der arbeitenden Bevölkerung sich nicht nur die politische, sondern auch und vor allem die ökonomische Macht aneignen sollte. Enteignet werden sollten die Enteigner, die zuvor selbst die Produzenten von allen lebensnotwendigen Gütern und dem nicht entfremdeten Genuss ihrer Produkte enteignet hätten.“
Dieser Ausschnitt liefert einen Einstieg für unsere Diskussion und greift Begriffe auf, die wir uns im Folgenden näher anschauen möchten.



Expropriation der Expropriateure
Wenn Karl Marx von Expropriation schreibt, verwendet er also einen Begriff, welcher an das lateinische Wort für Eigentum angelehnt ist. Da wir kein Latein sprechen und Expropriation gerade so aussprechen können, werden wir in diesem Text von Enteignung reden. Wir hoffen, dass die Intellektuellen unter unseren Lesern und Leserinnen uns diese Ungenauigkeit verzeihen werden.
Da die Besitzenden uns Besitzlose durch die Lohnarbeit enteignen und wir sie wiederum in revolutionären Situationen enteignen, können wir feststellen, dass Enteignen eine klassenübergreifende Tätigkeit ist. Und da wir uns als Vertreter und Vertreterinnen der proletarischen Linken verstehen, werden wir uns in diesem Schwerpunkt natürlich mit proletarischer Enteignung beschäftigen.
Wir fassen diesen Begriff allerdings etwas breiter als Karl Marx. Aus unserer Sicht können wir von proletarischer Enteignung immer dann sprechen, wenn Angehörige unserer Klasse der herrschenden Klasse etwas „zurück-klauen“ und nicht nur dann, wenn die Produktionsmittel von uns enteignet werden. In der bürgerlichen Klassenjustiz, der wir aktuell unterworfen sind, wird dies als Diebstahl oder Raub bezeichnet. Dass Mensch sich allerdings überhaupt dazu entscheidet irgendetwas zu klauen oder rauben, hängt mit der Aufteilung von Reichtum in unserer Gesellschaft zusammen und mit den Problemen, die daraus entstehen. Dieser Widerspruch ist älter als die Machtergreifung der bürgerlichen Klasse sowie die Industrialisierung und zieht sich durch die menschliche Geschichte. So gab es zum Beispiel schon im alten Ägypten Grabräuber. Das Einzige, was sich im Laufe der Jahrhunderte geändert hat, ist die Art und Weise wie Enteignungen durchgeführt werden und sich Menschen zusammenschließen, um diese zu begehen. Die Strafen spielen bei der Art der Ausführung natürlich auch eine Rolle. Abhängig von der Epoche in der die Menschen lebten, mussten immer andere Wege gefunden werden, um die Kohle der Reichen zu verteilen. Ob in Postkutschen, Zügen, Schiffen, Tresoren, Banken oder Geldtransportern, das Geld muss dort geholt werden, wo es konzentriert ist.
Wenn wir von proletarischer Enteignung reden, können wir diese in zwei große Kategorien aufteilen: proletarische Enteignung und (proletarisch)revolutionäre Enteignung.
Die erste Form, die proletarische Enteignung, entsteht zum einem aus der Notwendigkeit zu überleben, zum anderen aus einer noch nicht ausformulierten Feindschaft gegenüber der sozialen Ausbeutung, also aus dem „Nicht-akzeptieren-wollen“ der eigenen sozialen Position. Nicht ausformuliert heißt in diesem Kontext, dass noch nicht erkannt wurde, dass das ökonomische System, in welchem wir leben, unsere Lebensbedingungen vorgibt und um die Ausbeutung wirklich zu beenden eine Organisierungsform gefunden werden muss, durch welche wir die Stärke erreichen, um selbst vorzugeben, in welchem ökonomischen System wir leben wollen und dadurch kollektiv unsere Lebensbedingungen selbst in der Hand haben.
Womit wir zu der zweiten Form von Enteignung kommen: der (proletarisch)revolutionären Enteignung. Hierbei handelt es sich nämlich um Aktionen von Menschen und Organisationen, die dies erkannt haben und versuchen den Kampf für eine andere Gesellschaftsform mit dem ausgebeuteten Reichtum der Ausbeuter zu finanzieren.
Nicht nur Geld sondern auch Land, Waren und Häuser werden dabei enteignet
Es wird nicht nur Geld von unserer Klasse enteignet, sondern auch Waren, Häuser, Land (gerade Ackerland auf welchen Lebensmittel angebaut werden können) und selbst wenn von Erschleichung von Leistungen gesprochen wird wird auf proletarische Enteignungen angespielt. In dem Moment, wo Geld darüber entscheidet, ob Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen können und der Profit der Deutschen Familienclans wie Quandts, Brose, Scheffler oder die der Thurn und Taxis über Moral und Gerechtigkeit steht, kommen viele von uns auf die Idee auf Gesetze zu scheißen und sich das zu nehmen, was sie zum Leben brauchen. Hier muss allerdings ganz klar unterschieden werden von wem genommen wird. Nehmen wir von Leuten, mit denen wir unsere alltäglichen Sorgen teilen, die genauso wie wir gucken müssen, wie sie über die Runden kommen (unsere Klassengeschwister) oder von Leuten, die Generation über Generation ihren Reichtum vergrößern, indem sie unserer Klasse Dienstleistungen und Waren verkaufen, die von uns selbst produziert wurden (den Klassenfeinden)?
Das Erste bezeichnen wir als „Kannibalismus“, denn genauso wie Kannibalen ernähren wir uns dabei von unseresgleichen; Menschen, die wie wir die gleichen alltäglichen Sorgen haben und ums Überleben kämpfen, ob in einem Job oder auf der Straße. Im zweiten Fall ist es eine Enteignung. Es wird von denen zurückgenommen, deren Reichtum auf unserer Ausbeutung basiert. Denn wie wollen Diebe der Zeit und des Mehrwertes einen als Dieb bezeichnen? Wie wollen die imperialistischen Räuberchefs, welche die Welt bei ihren Raubzügen in Schutt und Asche legen, einen als Räuber brandmarken? Die Gerichte, welche die gleiche Logik bei ihren Urteilen anwenden, können weder von Gerechtigkeit sprechen noch von Urteilen im Namen des Volkes. Was in den Gerichtssälen zu finden ist, ist ausschließlich die Machterhaltung der Klassenfeinde über uns alle.
Jeder Mensch, der in einem Supermarkt klaut, Wohnungen besetzt, Benzin ohne zu bezahlen abzapft, schwarzfährt, Stromzähler manipuliert usw. enteignet die Enteigner. Durch kollektive Umsetzung und eine gemeinsame Perspektive werden diese zu politischen Enteignungen und sozialen Kämpfen. Proletarisches Shoppen, „Einklauen“ und kollektive Enteignungen ziehen sich durch die Epochen der Kämpfe unserer Bewegungen, sei es im Alltag oder bei Events. Gemeinschaftliches Läden-plündern und Häuserbesetzen wurden zu kleinen und großen Siegen in den Etappen auf den Weg zur Umverteilung und Revolution. Genauso wie die daraus entstehenden Schlachten mit den Hütern der Eigentumsverhältnissen.
Kampagne zum Nulltarif
In der Ausgabe der hamburgischen Zeitung Schwarze Katze vom Mai 1985, gibt es einen Artikel über den Aktionstag bei dem ein Nulltarif in allen öffentlichen Einrichtungen und im öffentlichen Nahverkehr gefordert wurde. Dies ist ein sehr gutes Beispiel für die kollektive Praxis, von der wir reden. (Anm.: Falls ihr tiefer in die Materie eintauchen wollt, findet ihr in der GI Nr. 451 einen Artikel über die eben genante klassenkämpferischen Publikation)
Treffpunkt für die erste Aktion war um 8 Uhr zum Frühstück in der evangelischen Akademie.
Dort wurde nochmal abgeklärt, wie die Aktionen ablaufen sollten. Der Konsens bestand darin
zusammenbleiben, die Aktionen zu Ende zu führen und sich von Übergriffen nicht abhalten zu lassen. Dann zogen 40 Leute aus unterschiedlichen erwerbslosen Initiativen los in Richtung Rathaus, wo die erste Aktion in Form einer Presseveranstaltung geplant war. Logischerweise fuhren die Menschen, welche einen 0-Tarif in allen öffentlichen Einrichtungen forderten, schwarz. Denn auch, wenn hier eine Forderung an die Regierung gestellt wurde, waren die angewandten Aktionsformen Enteignungen von Waren und Dienstleistungen, welche kollektiviert wurden.
Das ist der Grund, weshalb wir den Bericht hier in zusammengefasster Version als ein Beispiel für kollektive Enteignungsformen ins Felde führen. Denn zum einen werden hier die kleinen, alltäglichen Enteignungen, die von unserer Klasse aus Not heraus in Massen auf der ganzen Welt begangen werden kollektiv und bewusst als Mittel im Klassenkampf benutzt. Zum anderen ist es sehr interessant zu sehen, wie viele soziale Freiheiten wir uns durch kollektives und entschlossenes Handeln einfach nehmen können.
Aber zurück nach Hamburg 1985. Da die Genoss:Innen zu früh dran waren, gab es noch eine Sponti durch die Innenstadt und dann ging es rein ins Rathaus-Foyer, wo dann vor überforderten Zifften, NDR-Reportern und verdutzten Mitarbeitern sowie Besuchern die Forderung erklärt wurde.
„Nulltarif, und zwar für alle, die wenig Knete haben. Und dass wir wissen, dass wir darum kämpfen müssen, wenn wir was haben wollen; der Staat rückt nämlich nichts freiwillig raus. Und dass wir uns das nehmen, was wir wollen, nämlich umsonst fahren und essen und ins Theater gehen. Und dass wir das gemeinsam machen: Rentner, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und andere Leute mit wenig Einkommen, weil wir das nur gemeinsam durchsetzen können.“
Danach ging der „bunt gemischte Haufen“ von Rentnern, Punks, Kindern, Lederjacken und Hausfrauen durch die Innenstadt zum Kulturladen St. Georg, um sich mit Leuten zu treffen, die früher nicht dazu stoßen konnten, um sich auf die nächste Aktion vorzubereiten. Das Ziel war es in einer öffentlichen Einrichtung essen zu gehen. Und zwar umsonst, wie gefordert. Dafür wurde das Arbeitsamt ausgesucht. In kleinen unauffälligen Gruppen sickerten alle in das Amt ein. Bemerkt wurden sie erst als in der Kantine massenhaft Essen über die Absperrung an der Kasse vorbei gereicht wurde. In dem Bericht aus der Schwarzen Katze wird von Versuchen seitens anderer Arbeiter:Innen berichtet die Enteignung zu verhindern. Ob es die Frau war, die an der Kasse saß, welche empört schrie: „Die bezahlen ja gar nicht!“, der Kantinenchef, welcher noch probierte durch Entreißen von Puddings wenigstens ein paar Mark seines Chefs zu retten oder der Hausmeister, welchem erst mal klargemacht werden musste, dass es besser ist, die mitgebrachten Fotografen in Ruhe zulassen; alles Menschen, die in ihrem Arbeitsverhältnis ausgebeutet werden, sich aber schützend vor den Ausbeuter stellen, wenn andere Ausgebeutete ihm was wegnehmen wollen.
Ob es Kassierer und Kassiererinnen sind, welche Ladendetektiv spielen oder Jobcenter-Mitarbeiter:Innen, welche mit großzügiger Arroganz einem zustehende Leistung bewilligen. Es muss diesen Menschen eins klargemacht werden: Es ist nicht euer Geld, um das es geht. Wenn jemand beim Klauen in einer Kaufhalle erwischt wird, herrscht eine allgemeine Empörung als hätte dieser Mensch versucht der Allgemeinheit zu schaden. Das ist totaler Blödsinn. Empörung ist dann angebracht, wenn Leute Fahrräder in der eigenen Nachbarschaft klauen oder Schuhe im eigenen Block. Denn in diesen Fällen reden wir von Diebstahl, also von Kannibalismus und nicht von Enteignung. Um diesen Unterschied zu verstehen, braucht es Klassenbewusstsein. Das Klassenbewusstsein, welches zum Beispiel CDUler besitzen, wenn sie einen der ihren beschützen, der mal wider mit den Händen im Marmeladenglas erwischt wurde. Skandale werden von ihnen konsequent ausgesessen. Denn sie wissen, es ist nicht ihr Geld, um das es geht. Es ist unseres. Wenn wir durch Klassenbewusstsein den Unterschied zwischen uns und denen verstehen, können wir genauso zusammenhalten, wie sie es tun wenn sie uns verarschen. Um so aus Klassenbewusstsein, Klassensolidarität zu machen.
Genau darauf plädierten die Hamburger Erwerbslosen, als sie dem Rest der Kantinen-Besucher:Innen erklärten, warum sie dort sind. Sie wiesen die Angestellten darauf hin, dass sie doch am besten wissen müssten wie schlecht es ihnen geht. Deswegen forderten sie einen Nulltarif in allen öffentlichen Einrichtungen. Und dass sie nicht vergessen sollten, wer sie bei ihren Kämpfen gegen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, Entlassungen und Rationalisierungen unterstützt hatte, als sie auf der Straße demonstriert haben. Worauf sie dort in dieser Kantine hinwiesen, ist auch heute noch gültig. Arbeiter:Innen und Erwerbslose dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Für die Hungerlöhne sind nicht die Arbeitslosen schuld. Auch nicht dafür, dass sich Politiker erdreisten von Menschen zu erwarten nach ihrer Renten noch weiter zu arbeiten, während sie sich für ihr Nichtstun im Parlament richtig fette Renten gesichert haben. Nur der Zusammenhalt kann uns in die Lage bringen der Ausbeutung nicht ausgeliefert zu sein. Und das ist was die Menschen an diesem Tag gezeigt haben. Zusammenhalt und eine große Masse sind der Schlüssel zum Sieg. Das kollektive Schwarzfahren, welche die vorletzte Aktion an dem Tag war, ist eine Sache für welche es keinen Aktionstag brauchen würde, wenn es ein tatsächliches Klassenbewusstsein in breiten Teilen der Klasse geben würde. Die S-Bahnen sind voll von Menschen, die täglich Geld für ihre Fahrt zur Arbeit bezahlen, da sie im Gegensatz zu Parlamentsmitgliedern keine Bahncard100 besitzen. Also haben eigentlich alle Menschen in diesen Bahnen das gemeinsame Interesse kein Geld für die Beförderung zu zahlen und im Notfall die Kontrolleure nicht einsteigen zu lassen.
Wir könnten das durchsetzen, wenn alle mitmachen würden. Aber leider raffen wir es nicht und müssen deswegen jeden Monat Geld ausgeben, um zur Arbeit zu fahren anstatt es in spaßigere Angelegenheiten zu investieren.
Über diesen Hintergrund, zusammen mit der Idee des 0-Tarifs wurden die fahrenden Gäste mit Flugblättern und Diskussionen informiert. Nach der Aktion fuhren wieder alle nach St. Georg, diesmal in kleinen unauffälligen Gruppen wegen der durch das Schwarzfahren aufgescheuchten Bullerei, die nach Leuten suchte. Hier wurde der letzte Streich des Tages nochmal diskutiert. Der Plan war es gemeinsam ins Theater zu gehen, natürlich zum Nulltarif. Ins Theater reinzukommen ging einfacher als gedacht. Als alle Flugblätter vorm Schauspielhaus verteilt wurden, sind 60 Leute einfach rein, vorbei an den verdutzten Kartenabreißren, in den Saal. 15 Leute sprangen auf die Bühne und entrollten das Transparent zum Aktionstag und erklärten ihre Forderungen. Am Anfang dachte das Publikum das Ganze gehörte zur Show und klatschte begeistert. Während der Intendant darüber diskutierte, ob er das Ganze unterstützt, waren die besten Plätze ergattert und die Show konnte beginnen.
In der Auswertung wurde festgestellt, dass der Tag gelungen war, es aber viel mehr solcher Initiativen brauche, wie zum Beispiel die, bei der 20 Leute kostenlos ins Schwimmbad gingen.
Der Kampf um den kostenlosen Nahverkehr wird auch von militanten Organisationen mit unterschiedlichen Aktionsformen unterstützt. Es werden dafür gefälschte Tickets in proletarischen Vierteln verteilt und Kartenautomaten sabotiert.
Proletarische Organisationsformen: Banden und Banditen
Da wahrscheinlich kein Mensch darauf Bock hat das ihm Sachen weg genommen werden, ist es eine logische Schlussfolgerung das ein Machtgefälle Voraussetzung für eine Enteignung ist.
Dies trifft natürlich auch zu wenn wir die der herrschenden Klasse betrachten, welche den bürgerlichen Staat und seine Staatsgewalt nutzt, um die Ausbeutung von uns Proletarier:Innen aufrecht zu halten. So stellt ja auch Genosse Mao fest das „Macht aus den Läufen der Gewehren kommt“ und unterstreicht damit das Macht hauptsächlich auf Gewalt basiert. In der bürgerlichen Gesellschaft in der wir Leben ist es der Staat, welcher bis auf Ausnahmen für sich beansprucht als einziger Gewalt anzuwenden. Und selbst diese Ausnahmen werden von Gerichten legitimiert, deren Funktion es ist, diese Unterdrückung aufrecht zu halten. Da Unterdrückung jedoch zwangsläufig Widerstand produziert, gibt es einen theoretischen Überbau, welcher der Verschleierung dieses Machtverhältnisses dient. Ketten, Gitterstäbe, Handschellen und Gewehrläufe sind eindeutig als Einschränkung der eigenen Freiheit zu begreifen und machen die Leute widerständig. Wenn jedoch die Köpfe der Menschen, also ihre Gedanken eingekerkert sind, wird es möglich, dass sie ihre Ketten als selbstverständlich begreifen, als wären diese ein Naturgesetz, etwas das zwangsläufig zum Leben dazu gehört. Diese Verarsche verankert sich so fest im Unterbewusstsein, dass die Menschen anfangen begeistert ihre eigenen Ketten zu putzen und die Kerkermeister darauf hinweisen, wenn andere sich aus diesen befreien. Dafür werden Erziehung, Bildung, Kultur, Religion und Medien missbraucht, durch welche erreicht wird, dass wir aktiv an unserer kollektiven Ausbeutung mitarbeiten. Dadurch kommt es dazu, dass Menschen entsetzt sind, wenn in einer Kaufhalle geklaut wird, die nur dafür da ist von unserem Bedürfnis nach Nahrung zu profitieren. Wenn militärische Raubzüge legitimiert werden, während Bankräuber erschossen gehören. Wenn in Filmen suggeriert wird, dass Polizeigewalt notwendig ist, um uns alle zu schützen obwohl sie im End-Effekt nur das Recht auf Privatvermögen und Spekulation von lebensnotwendigen Dingen wie Nahrung und Wohnungen durch Prügeln.
Somit ist die proletarische Enteignung ein Moment, in dem dieses Machtverhältnis gebrochen wird. Es ist nicht nur ein Weg, um das eigene Überleben zu sichern oder den revolutionären Befreiungskampf zu finanzieren, sondern ein klarer Bruch mit den Eigentumsverhältnissen auf denen das kapitalistische System und seine Ausbeutung basieren. Selbstverständlich ist der Verlust für die Reichen, welche mit „gollumartiger“ Gier unsere ganze Gesellschaft ihrem Profibedürfnis unterworfen haben das Schlimmste, es gefährdet aber auch ihr ganzes System als Solches.
Der Bruch im Machtverhältnis braucht also genauso eine Gewalt (ob diese angedroht oder angewendet wird spielt dabei keine Rolle) welche auch nur für einen kurzen Moment die Macht des Systems bricht. Durch das Kräfteverhältnis in dem sich unsere Klassen Aktuell befinden wird dies selten ohne einem Moment der Überraschung zu erreichen sein. Ein kurzer Moment, welcher aber reicht, um sich von den Reichen das zu nehmen, was sie unserer Klasse wegnahmen. Aus all diesen Gründen muss dieser Moment organisiert werden. Aus dieser Notwendigkeit heraus entwickelten sich in unterschiedlichen historischen und geografischen Kontexten proletarische Organisierungs-formen, welche angepasst an die materiellen Notwendigkeiten mal bandenmäßig, mal in kleineren Kreisen oder als politische Kampfformation, die Kohle von den Reichen enteigneten.
Ein weltweit bekanntes Beispiel für eine solche Organisieriungsform ist die der Räuberbanden.
In Deutschland kam es während des Siebenjährigen Krieg und der Koalitionskriege in Deutschland zu einem starken aufträten von Rauberbanden. In ganz Europa waren die Hochphasen für Räuberbanden in Kriegs- und Krisenzeiten. Denn Bauern aber vor allem Fahnenflüchtige wurden in der Not zu Räubern den Gewalt und Risiko als Berufsweg sind nicht etwas wofür sich Menschen leichtherzig entscheiden. Doch lieber ein Leben in der Wildnis bewaffnet auf der Lauer nach Beute und auf Flucht vor den Gesetzesvollstreckern als das Schicksal eines Soldaten welcher wie durch ein Wunder das Gemetzel einer Schlacht überlebt hatte und nicht herauszufinden wollte ob er in der nächsten nochmal so viel Glück haben würde. Oder all die welche dem Schlachtfeld aus gesunden Menschenverstandes gleich fernblieben. Aber angesichts der Strafe dafür lieber in den Untergrund gingen.
Weitere Mitglieder waren häufig Aussätzige, also Lepra-Kranke welche im Altertum gezwungen wurden außerhalb von menschlichen Siedlungen zu leben. Genauso wie Geächtete oder Gesetzeslose und Ausgestoßene (in Deutschsprachgenraum auch Vogelfreiehe genannt) welche alle aus den einen oder den anderen Grund alle ihre Rechte verloren. So ist das Wort Bandit aus dem Italienischen Wort bandito entnommen welches Verbannt heißt. Sie durften sogar straffrei ermordet werden. Ihnen blieb also nur der Weg in die Illegalität. Denn genauso wie heute lebten in der Kriminalität meistens Menschen welche keine andere Chance hatten.
Auch in den Räuberbanden finden wir Kannibalen doch meistens stellten die Reichen damals wie heute die lohnendsten Ziele. Die Bandoleros z.B. welche die spanische Bezeichnung für einen Straßenräuber ist, waren Banden welche vorwiegend in Andalusien operierten und von der Bevölkerung als Freiheitskämpfer und Wohltäter gesehen wurden die nur die Reichen beraubten und ihre Beute mit den Armen teilten.
Phoolan Devi
Ein interessantes Beispiel für die Entwicklung, welche proletarische Räuberbanden hin zum gesellschaftlichen Kampf nehmen können, ist die Geschichte von der Inderin Phoolan Devi und ihrer Gruppe von Dacoits (der indische Begriff für Banditen).
Wer war Phoolan? Phoolan Devi war die Frau, die sich erst als Banditin von ihrer Rolle als Unterdrückte befreien konnte und nach Jahren der Gefangenschaft zur Abgeordneten wurde. Sie wurde am 10. August 1963 in dem indischen Dorf Gorha Ka Purwa geboren. Ihre Geschichte ist, wie die von vielen anderen indischen Frauen, von der männlichen Unterdrückung und sozialen Ungerechtigkeit des Kastensystems geprägt.
Die Gründungstexte des Hinduismus unterteilen die Gesellschaft in vier Überkategorien: ganz oben in der Hierarchie sind die Brahmanen (Priester), direkt danach kommen die Kshatriyas (Krieger), gefolgt von den Vaishyas (Händler) und auf der unteren Stufe der Pyramide stehen die Shudras (Diener). Diese vier Kasten sind nochmal in mehr als Tausend weitere Untergruppen aufgeteilt. Phoolan gehörte den Mallahs an (Bauern und Fischer), welche zu den Dienern gehören. Viele von ihnen müssen für die Thakurs (Kaste der Krieger) arbeiten. Obwohl das indische Gesetz Kasten-Diskriminierung verbietet, gehören diese dort noch immer zum Alltag. Dadurch werden Gewalt und Unterdrückung gegen die unteren Kasten und Korruption legitimiert.
Mit dieser Unterdrückung wird Phoolan immer wieder konfrontiert. Seit klein auf ist sie Entrechtung, körperlicher und sexueller Gewalt schutzlos ausgeliefert. Erst als sie von einer Gruppe Dacoits entführt wird, findet sie einen Weg um Selbstbestimmung zu erlangen, indem sie unter anderem Schießen lernt. Als sie sich in die Gruppe integriert, werden die Überfälle der Bande genutzt, um patriarchale Unterdrücker zu bestrafen – wodurch sie und ihre Leute zu Volkshelden werden. Durch ihren rebellischen Geist wurde sie zum Symbol der weiblichen Rebellion gegen die patriarchale Macht unter der die Frauen in Indien leben. Ihre Geschichte berührte die Menschen so stark, dass sie sie als die Reinkarnation der Göttin Durga bezeichnen, welche in der Mythologie den Kampf von Gut gegen Böse symbolisiert.
Als der Druck der Repression immer stärker wird, entscheidet sie sich die Waffen niederzulegen und sich mit ihren Anhängern zu stellen. Im Gefängnis wird sie von der neuen Sozialistischen Partei von Mulayam Singh Yadav umworben. Sie helfen ihr freizukommen und sie schließt sich ihnen an. Bei den Wahlen von 1996 und 1999 erhält sie einen Sitz im Parlament und wird zur Stimme der Entrechteten. 2001 wird sie von einem Thakur-Extremisten erschossen. Was bleibt ist ihre Geschichte, eine Inspiration für alle Frauen, welche sich gegen das Patriarchat und ihre Ausbeutung wehren.
Damit endet der Erste Teil dieses Schwerpunktes. In dem nächsten Teil werden wir uns mit Bank Enteignungen beschäftigen. Wir haben dafür mehre Beispiele aus unterschiedlichen Widerstands-Epochen gesammelt. Was noch alles auf euch wartet? Lasst euch überraschen.
Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Band I, Kapitel 24 („Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“), insbesondere Abschnitt 7, MEW 23, Berlin 1962.
