JVA Tegel, 19. Juli 2025
Lieber …,
ich schreibe heute auf Andis Schreibmaschine und lasse mir etwas dabei helfen, da es das erste Mal ist, wo ich etwas berichte mit der Bitte um eine Veröffentlichung meiner Zeilen.
Ich befinde mich seit ca. einem Jahr im geschlossenen Vollzug und bin vorher im Offenen Vollzug gewesen, wo man mich abgesägt hat mit der Begründung, dass ich eine Straftat geplant hätte, zu welcher es nicht einmal ansatzweise gekommen ist.
Durch eine schwere Kindheit mit Kindesmisshandlung an meiner Person befinde ich mich in therapeutischer Behandlung für posttraumatische Belastungsstörungen. Leider reicht diese bei weitem nicht aus und ich müsste eigentlich in eine Therapie, die spezialisiert ist zur Behandlung der Traumatisierung nach sexualisierter Gewalt, die nur in Freiheit angeboten wird und ich hierfür zurück in den offenen Vollzug müsste.
Hier innerhalb der Anstalt wird mir und so auch vielen anderen Inhaftierten nicht geholfen.
So ist es nicht verwunderlich, dass es mir in den letzten Wochen immer schlechter geht, ich vor mich hin vegetiere und keinerlei Antrieb mehr besitze.
Meine tägliche Arbeit, welche wirklich nicht schwer ist, schaffe ich kaum noch und ich bemerke an mir, wie ich mich immer mehr gehen lasse.
Hinzu kommt, dass der allgemeine Vollzug hier in Tegel nur noch sehr schwer auszuhalten ist. Durch die extremen Haushaltskürzungen haben noch nicht einmal die Bediensteten mehr ausreichend Zeit für die Belange der Inhaftierten, da sie einfach unterbesetzt sind und ihre Tätigkeit kaum noch vernünftig meistern können, heißt: die Arbeit mit den Gefangenen.
Durch diese extrem psychische Belastung greifen die meisten Gefangenen in letzter Zeit immer häufiger zu synthetischen Drogen, um für einen kurzen Augenblick vom Alltag zu flüchten.
So ist es für die Bediensteten offensichtlich, wie der eine oder andere Gefangene torkelnd auf der Station läuft oder durch seine Benommenheit kaum noch verständlich sprechen kann.
Die meisten Vollzugsbediensteten stehen der aktuellen Lage hilflos gegenüber, vermitteln aber auch den Eindruck, dass dies so gewollt ist von Seiten der Anstaltsleitung.
Ist dies also der moderne Strafvollzug, von dem der Senat immer wieder berichtet und nach außen hin gegenüber der Bevölkerung suggeriert?
Dass die Inhaftierten aus Hilflosigkeit und Verzweiflung zu Drogen greifen und sich selbst überlassen sind, weil der Staat und die Institutionen an den Gefangenen sparen, kann man wieder als einen Verwahrvollzug bezeichnen, auch wenn dies keiner gerne hören möchte.
Kein Wunder, dass viele an Suizid denken und einige sich selbst verletzen!
Das ist leider unser trauriger Alltag.
An Dich und alle anderen ganz liebe Grüße!
Daniel Gierth
JVA Tegel
Seidelstraße 39
13507 Berlin
Anmerkung der Redaktion: Daniel selbst wird die Aushändigung des Gefangenen Infos verweigert, weil ein Brief von ihm abgedruckt wurde. Er wird voraussichtlich im April 2026 entlassen.
