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Der bekannteste politische Gefangene in den USA, der ehemalige Black Panther, engagierte Radio-Journalist und Buchautor Mumia Abu Jamal, hat inzwischen schon 43 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Doch der Revolutionär, der heute 71 Jahre alt ist, hat niemals aufgegeben. Nicht, als er 1982 schuldig gesprochen wurde, einen weißen Polizisten erschossen zu haben, nicht als in einem haarsträubenden, völlig manipulierten Verfahren gegen ihn die Todesstrafe verhängt wurde, nicht als sie 1995 und 1999 vollstreck werden sollte, nicht als sie zwar aufgehoben, aber in lebenslänglich umgewandelt wurde. Stets erklärte er seine Unschuld, kämpfte juristisch und persönlich, arbeitete ungebrochen weiter, verfasst 15 Bücher und zahllose Kommentare. Er studierte, lernte und lehrte. Sein jüngstes Werk heißt „Beneath the mountain“, ein Anti-Knast-Reader mit Essays über die Entwicklung des Gefängniswesens von der Sklaverei bis heute, den er mit herausgegeben hat. Die Grundlagentexte von Dissidenten, die Gefängnishaft am eigenen Leib erlebten, umfassen Beiträge von John Brown, Frederick Douglass und Crazy Horse bis zu Assata Shakur, Malcolm X, Leonard Peltier und ein bisher unveröffentlichtes Kommuniqué von Angela Davis. Ein nützlicher Grundstock der Antik-Knast-Theorie.
Als Langzeit-Gefangener ist Mumia ein Fall von „Death by incarceration (DBI)“, also Tod durch Inhaftierung. Juristisch offiziell wird es in den USA verharmlosend „Live Without Parole“ (LWOP, also „lebenslänglich ohne Bewährung“) genannt. Dies geht aber am Charakter dieser Strafe vorbei, weswegen viele in den USA eher den Begriff DBI verwenden. Die Staatsmacht will Mumia bis zu seinem Lebensende einsperren, ohne die geringste Chance auf Freiheit. In den USA bedeutet das tatsächlich in der Zelle zu sterben, meist ohne menschenwürdige Gesundheitsversorgung. Je älter Gefangene mit der Zeit werden, desto schwieriger wird ihre gesundheitliche Situation, unbehandelte Krankheiten ziehen weitere nach sich. Mumia selbst hat es so formuliert: „Das Gefängnis ist kein Ort für ältere Menschen“. Wie wahr. Um eine Vorstellung von der Größe des Problems zu bekommen: In den USA gibt es nach einer Schätzung von 2020 rund 203.000 „Lebenslängliche“ – das heißt lebenslang ohne mögliche Haftentlassung (LWOP), lebenslang mit theoretisch möglicher Haftentlassung und praktisch lebenslang (mit über 50 Jahren Haft). Neuere Schätzungen gehen von über 220.000 Menschen aus. Über 200.000 Gefangene in den USA haben somit praktisch keine Möglichkeit, je wieder rauszukommen. Über 60.000 sind bereits über 55 Jahre alt, oft mit schweren Erkrankungen, die in Gefangenschaft nur unzureichend behandelt werden. Sie siechen dahin, ohne Perspektive, in Erwartung eines qualvollen, einsamen Todes. Man denke nur an die Brutalität des US-Justizsystems, Menschen zu 200, 500 oder mehr Jahren zu verdonnern. Daher betont Mumia als prominente „Stimme der Stimmlosen“, wie er auch genannt wird stets, dass er einer von vielen ist.
Gerade Pennsylvania, der US-Bundesstaat, in dem auch Mumia gefangen ist, hat mit 5.100 Betroffenen die zweithöchste Zahl an Menschen, die eine lebenslange Haftstrafe ohne Bewährung verbüßen. 70 Prozent sind wie Mumia Schwarz. Ende 2021 machten Menschen über 50 Jahre fast 27 Prozent oder 10.000 von 37.303 Personen in Pennsylvanias Gefängnissen aus. Experten schätzen, dass bis 2030 landesweit jeder dritte Inhaftierte über 50 Jahre alt sein wird. Klar ist man „draußen“ mit 50 noch lange nicht alt, im Knast unter den harten Bedingungen aber schon. Jahrelange schlechte Ernährung, unzureichende medizinische Versorgung, chronischer Stress und so weiter beschleunigen den Alterungsprozess und können die Lebenserwartung pro Jahr hinter Gittern um bis zu zwei Jahre verkürzen.
Und es geht nicht nur um „gefährliche Typen“, wie manche meinen, um Leute, die jemanden ermordet und deshalb so hohe Strafen erhalten haben. Es geht auch um Menschen, die zum Beispiel gewaltfrei mit Drogen gedealt haben oder eine Straftat begangen haben, in deren Rahmen jemand ums Leben kam (felony murder) – aber eben nicht durch die Person. Trotzdem soll diese wegen der bloßen Beteiligung an der Aktion nie wieder „auf die Gesellschaft losgelassen werden“. Egal, dass derjenige niemanden verletzt hat, egal, ob er sich im Knast stark verändert und positiv entwickelt hat. Beispiel wäre jemand, der bei einem Überfall „nur“ Schmiere gestanden hat.
Auch das Alter sollte mit bedacht werden, weil viele sehr jung waren, als sie verhaftet wurden. Fast 80 Prozent der in Pennsylvania zu lebenslanger Haft ohne Bewährung Verurteilten waren unter 30 Jahre alt, als es sie erwischte. 53 Prozent waren erst zwischen 18 und 25 Jahre alt. Immerhin entschied der US Supreme Court 2012, dass Jugendliche unter 18 Jahren nicht lebenslang erhalten dürfen, was vorher für etliche Delikte verpflichtend war. Ein großer Erfolg für die Bewegung, die sich dafür stark machte. Aufgrund der erfolgreichen Kampagne konnte als einer von vielen auch der Aktivist Saleem Holbrook vom Abolitionist Law Center 2018 freikommen. Es dauerte noch weitere vier Jahre, bis das Gericht endlich feststellte, dass dies auch rückwirkend gilt. Wer jedoch zum fraglichen Zeitpunkt schon 19 oder 20 war, hat eben Pech gehabt. Bei lebenslanger Haft mit möglicher Haftentlassung entscheidet alle paar Jahre ein Ausschuss über eine Entlassung auf Bewährung, die in der Regel jedoch verwehrt wird, da die Anforderungen kaum erfüllbar sind und auch oft politischer Druck dies verhindert, wie im Fall Mumia. Lebenslang ohne mögliche Entlassung (LWOP) ist also nichts anders als grausame Todesstrafe auf Raten – auch wenn es in den USA als „humane Alternative“ gerechtfertigt wird. Letztendlich tötet der Staat auch so, nur eben langsamer und bei weit mehr Straftatbeständen, als mit der Todesstrafe geahndet werden. Kampagnen gegen diese Barbarei, gegen das Wegsperren bis zum Tod und für ein „Recht auf Hoffnung“ gibt es etwa in den USA und der Türkei, weil beide Länder Masseninhaftierung anwenden. In den USA sind zurzeit etwa über zwei Millionen Menschen eingesperrt, in der Türkei über 400.000.
Zurück zu Mumia, auch ein Senior, dessen gesundheitliche Lage schwierig ist. Es geht aktuell vor allem um die Augen. Ärzte warnen vor dauerhafter Blindheit ohne sofortige Behandlung. Sein Sehvermögen verschlechtert sich besorgniserregend und erfordert ein rasches medizinisches Eingreifen durch einen Netzhautspezialisten. Außerdem muss Mumia sich einer Laseroperation wegen eines Katarakts (grauem Star) unterziehen. Bereits seit über acht Monaten verschlechtert sich seine Sehfähigkeit immer mehr, bei einem kürzlichen Arzttermin wurde er sogar für blind erklärt, so wenig konnte er in Tests erkennen. Das Sehvermögen ist von 20/30 mit Brille (nahezu normal) im Jahr 2024 auf 20/200 heute gesunken – damit ist Mumia tatsächlich gesetzlich blind. Fernsehen geht nicht mehr, nur noch das Radio steht ihm zur Verfügung. Der Ernst dieser Situation wird noch dadurch verschärft, dass sie vermeidbar war und sich die Knast-Medizin weigerte, ihn angemessen zu versorgen. Diese Verzögerung hat schwerwiegende Folgen und könnte darüber entscheiden, ob er sein Augenlicht wiedererlangt oder ob es zu einer dauerhaften und lebensverändernden Behinderung wird. Mumia leidet an postkataraktbedingter Erkrankung und diabetischer Retinopathie auf beiden Augen. Außerdem hat er ein Glaukom. Jetzt gilt es, schnell und entschlossen zu handeln, um ihn zu schützen und eine Behandlung zu erkämpfen. Wie soll ein Autor und Journalist blind arbeiten? Darum werden die Spenden aus Deutschland auch gezielt für die Operation verwendet, die selbst bezahlt werden muss. Darum fordert die internationale Solidaritätsbewegung auch, sofort eine Augen-OP und andere medizinische Behandlungen durch unabhängige Spezialisten zu planen – und natürlich Mumia sofort bedingungslos zu entlassen. Im Knast kann er nicht gesund werden! Free Mumia – Free Them All!