Letzten Montag, den 6. Oktober 2025, habe ich endlich über die Hauskammer meine Kampfsportschuhe bekommen und als ich in Richtung meiner Station gewesen bin, rief mich ein Sozialarbeiter zu sich, der mit mir sprechen wollte. Da meine eigentliche Sozialarbeiterin im Urlaub ist, eröffnete er mir, dass man eine Sitzung abgehalten hätte und zu dem Entschluss kam, dass ich am 15. Oktober 2025 eine Ausführung bekäme. Ich konnte erst nicht so ganz folgen und fragte, wie er dies meint. Er erklärte mir, dass ich mit Bekleidung eine Ausführung zu einer kirchlichen Einrichtung bekäme, wo ich Angehörige treffen kann. Auch fragte er, wer denn kommen würde, worauf ich sofort antwortete: meine Frau. Ich konnte dies gar nicht glauben und fragte nochmals, ob dies wirklich so seine Richtigkeit hätte und ob wir wirklich über mich reden. Er bestätigte es nochmals und klärte mich weiter auf, dass ich damit jetzt nicht hausieren soll. Ich sagte zu ihm, dass ich total geplättet bin und für mich ist das wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Mein Herz klopfte total schnell und ich habe mit allem gerechnet, aber mit absoluter Sicherheit nicht mit einer solchen Nachricht!
Ich fragte ihn, wie es dazu kommt und er meinte, dass ich doch einen Antrag gestellt hätte. Ich weiß, dass meine Anwältin einen Antrag stellte, aber das ist schon lange her und ich rechnete mir nicht einmal ansatzweise ein Prozent Chancen aus! Danach ging ich in meinen Haftraum und dann anschließend habe ich meine Anwältin angerufen und ihr diese Neuigkeit mitgeteilt, die sich sofort mit gefreut hat. Ich war auf jeden Fall scheiß nervös und ich hatte kurze Zeit später auch lieben Besuch von 2 Menschen, denen ich dies erzählte und die sich ebenfalls mit gefreut haben. Die eine oder andere Person, wo ich anrufen konnte, habe ich von der Neuigkeit berichtet, aber ich habe darum gebeten, hier bitte nichts zu veröffentlichen. Auch behielt ich die genauen Örtlichkeiten, wo es hingeht, für mich, da ich Angst hatte, dass plötzlich Menschen dort auftauchen würden, was in meinen Fall sehr, sehr kontraproduktiv gewesen wäre! Ich glaube, ein jeder kann dies sicherlich nachvollziehen.
Die nächsten Tage musste ich erst einmal diese Nachricht verarbeiten und ich konnte mich auch auf nichts so wirklich konzentrieren! Jutta, als ich nach dem Gespräch mit dem Sozialarbeiter angerufen hatte, freute sich sehr und ich fragte sie natürlich, ob sie denn an diesem Tag von 9.00 Uhr bis 12.30 Uhr überhaupt Zeit hätte. Natürlich, sagte sie und selbst wenn nicht, dann wird sich dafür die Zeit genommen. Ich habe mich dann auch erkundigt, ob und wie meine Frau was zum Essen mitbringen kann und man sagte mir, dass das alles möglich ist. Jutta fragte mich, was mein Wunsch wäre und ich sagte, ich wünsche mir einen ganz leckeren Sauerbraten mit Klößen und Rotkraut, dazu was zum Trinken. Sie sagte mir, dass sie mein Pfeifenset mitbringen wird und dazu einen guten Pfeifentabak. Denn jeder, der mich kennt, der weiß, dass ich leidenschaftlich gerne Pfeife rauche. Freunde, die ich angerufen habe, die konnten diese Nachricht gar nicht richtig glauben und alle sind wahnsinnig überrascht gewesen.
Was hier passiert ist, habe ich nicht als selbstverständlich angesehen und ich bin in Anbetracht der vielen Vorurteile gegen mich bei einigen Stellen und so manchen miesen Behandlungsmaßnahmen, auch und gerade gesundheitlich , der neuen Teil-Anstaltsleiterin und gewissen Personen, welche hier Mitspracherecht hatten, sehr dankbar gewesen und bin es noch! Denn wie gesagt habe ich niemals, und auch nicht Menschen in meinem engeren Umfeld, damit gerechnet, so etwas zu bekommen!
Auf der Station erzählte ich diese Neuigkeit nur ganz bestimmten Menschen, da leider der Neid untereinander sehr groß ist! Man sagte zu mir, Andi, dies ist nun der erste Schritt zur Freiheit. Einfach nur toll!!!!!!!!!!!
Endlich ist der Tag der Ausführung gewesen und ich durfte Privatkleidung tragen, hatte allerdings eine Vollfesselung, sprich, die Füße und einen Bauchgurt, wo die Hände gefesselt waren. Begleitet wurde ich von drei bewaffneten Bediensteten, aber sie waren ganz in Ordnung und ich konnte mich dort, soweit es eben ging mit der Fesselung, frei bewegen, auch in dem dort sehr großen, angrenzenden Garten.
Ich konnte trotz Fesselung auch ganz manierlich essen und zu meiner Freude ist der katholische Anstaltsgeistliche mit dabei gewesen, welchen wir mit eingeladen haben, mit uns gemeinsam am Tisch zu essen, was er dankend angenommen hat. Jutta hatte keinen Appetit, also hat der Geistliche mit mir gegessen und die Bediensteten sind weit abseits mit ihrem Kaffee gesessen. Der Geistliche machte mit Juttas Handy ein Foto von uns, aber so, dass man die Handschellen bzw. die Fesselung nicht sieht. Lustig fand ich, dass wir mit dem Taxi gefahren sind und zu dritt auf der Rücksitzbank saßen und so eng wie zusammengedrückte Presswürste 🙂
Meine ersten Eindrücke, Gefühle und Emotionen waren einfach unbeschreiblich und dieser Tag gab mir die Kraft und Energie für alles Weitere, was noch kommt. In jeden Fall bin ich den zuständigen Menschen, welche sich für eine solche Ausführung entschieden haben, wirklich und sehr ernst gemeint sehr dankbar! Man hätte dies nicht machen müssen, man hätte sagen können, dass ich erst einmal ein paar Jahre warten muss, um zu zeigen, wer hinter Krebs Andreas steckt. So viele Vorurteile gab es über die Jahre.
Ich denke ständig daran, warum ich in Haft bin. Die Höhe dieses Strafmaßes mal außen vorgelassen, ist es Fakt, dass ein Mensch ums Leben kam, womit ich leben muss. Wie es letztendlich wirklich zustande kam, ist eine andere Sache und viele wissen die Wahrheit.
Die Tortur in den letzten Jahren in italienischer Haft und was sie mit mir in der Isolation gemacht haben, hinzu die schwere Erkrankung, wo mir immer wieder gesagt wurde, dass ich nicht mehr lange zu leben habe, was man offensichtlich sehen konnte und mir oft bescheinigt wurde, hat mich alles dieser 15. Oktober vergessen lassen. Selbst die komplette Fesselung hat mich nicht im geringsten gestört. Es sind wunderschöne bleibende Eindrücke für mich und auch Jutta hat dieser Tag wahnsinnig gut getan!
Da ich demnächst Semesterarbeiten schreiben muss für mein Fernstudium, möchte ich mich bei allen, die diese Zeilen lesen werden, entschuldigen, dass ich mich gerade mehr auf mein Studium konzentriere und gerade nicht so viel schreiben kann!
Ich möchte zur medizinischen Versorgung noch etwas erzählen. Und zwar wurden durch eine Neurologin verschiedenste Untersuchungen veranlasst, welche auch Stück für Stück bei mir gemacht werden. Leider hat man auch ein Problem bei meinem rechten Auge festgestellt, was durch den leichten Schlaganfall hervorgerufen worden sein kann. Sollte sich eine Verschlechterung ergeben, komme ich um eine OP nicht herum, so die Aussage des zuständigen Augenarztes. Weitere Ergebnisse aus schon gemachten Untersuchungen stehen noch aus. Mein Medikament für Epilepsie wurde angehoben, da bei einer Blutuntersuchung festgestellt wurde, dass der Spiegel zu niedrig ist, was wahrscheinlich die letzten Ohnmachtsanfälle erklärt. Ich werde weiter darüber berichten.
Eine gute Nachricht habe ich noch. Entgegen der Meinung, dass ich nicht mehr oder nicht arbeiten darf, habe ich einer Arbeit als Hausarbeiter auf meiner Station zugestimmt. Jedoch mit dem Hinweis, dass ich links in meinem Arm kaum Kraft habe und die Hand weiterhin taub ist. Um also diese Arbeit machen zu können, helfen Menschen mir, um die schweren Essenskisten tragen zu können. Und mein neuer Arbeitskollege ist ebenfalls sehr verständnisvoll, zudem jung und hat eine Energie, wie ich früher 🙂
So sitze ich nicht nur 24 Stunden in meiner Zelle, sondern habe den ganzen Tag offen. Nun hoffe ich, ihr alle freut euch über diese tolle und sehr positive Nachricht für mich und Jutta.
Ich sende euch allen die herzlichsten Grüße!
Euer Andreas
Krebs, Andreas
Seidelstr. 39
13507 Berlin
