Westsahara – eine lange Geschichte der Kolonisierung und des Widerstandes

Protestcamp „Gdeim Izik“ während der Räumung
Protestcamp „Gdeim Izik“ während der Räumung

Im Frühjahr 2025 fand eine Solidaritätsdelegation in die selbstverwalteten Gebiete der Frente Polisario statt. Von dieser Reise ausgehend beschreiben wir in diesem Text Teile der Geschichte und des Widerstandes der Westsahara und einer Solidaritätsarbeit in Deutschland.
Mit 140 Jahren Besatzung hat die Westsahara eine sehr lange Geschichte der Kolonisierung hinter sich. Dennoch ist die Bevölkerung, die zu großen Teilen in der Frente Polisario – der Befreiungsbewegung der Westsahara – organisiert ist, nach wie vor entschlossen die Unterdrückung zu beenden. In dieser Zuversicht liegt eine Stärke, die uns als Delegationsteilnehmende sehr beeindruckt hat.

Bereits im 15. Jahrhundert versuchte sich Portugal in der Westsahara, die im Nordwesten Afrikas liegt, auszubreiten, blieb damit jedoch erfolglos.

Nachdem aber 1884/1885 europäische Kolonialmächte anfingen ihre Ansprüche in Afrika systematisch bei der Berliner Konferenz zu koordinieren, erklärte Spanien die Westsahara 1885 nun zu ihrer Kolonie.

Heute ist die Westsahara von Marokko besetzt und ist damit die letzte Kolonie Afrikas.

Grafik von der Gruppe "Western Sahara Resource Watch"
Grafik von der Gruppe „Western Sahara Resource Watch“

Kolonisierung durch Spanien

1884 Spanien kommt in Dakhla an und heuchelt vor, es gehe um ein friedliches Zusammenleben und ein Handlungsabkommen. Nur ein Jahr später wird die Westsahara jedoch von Spanien zur Kolonie erklärt. Spanien breitet sich immer weiter aus. Im Norden der Westsahara trifft Spanien auf Frankreich, die Kolonialmacht Marokkos. Im Streit um ein Gebiet im Norden der Westsahara, den Frankreich gewinnt, wird das Land geteilt und Familien auseinander gerissen, die nun unter unterschiedlichen Kolonialmächten leben müssen.

Ein Ziel vieler Kolonialmächte war es, die Bevölkerungen weitestgehend zu assimilieren. So versucht Spanien aktiv die westsaharauische Kultur auszulöschen. Die arabische Sprache wird verboten und soll durch Spanisch ersetzt werden. Nomadisches Leben wird unterdrückt. Traditionellen Zelte – Khaimas – werden verboten, um die Menschen zur Sesshaftigkeit zu zwingen.
Die Kolonialpolitik stößt schon von Beginn an auf Widerstand.
Die ersten organisierten Befreiungsbewegungen entstehen um 1970.
Sie führen zur ersten saharauischen Intifada (1970-1973). Dieser friedliche Volksaufstand wird gewaltsam niedergeschlagen.
Schon 1970 beginnt Spanien damit viele hunderte Menschen spurlos verschwinden zu lassen. Dafür übernimmt Spanien bis heute keine Verantwortung. Es gibt keinerlei Informationen über den Verbleib dieser Menschen.
Im Laufe der Intifada und dem Verschwinden lassen, kommen auch Hinrichtungen hinzu.
Es wird klar – ein friedlicher Volksaufstand wird nicht zur Befreiung führen.

Und somit wird 1973 die Frente Polisario als bewaffnete Befreiungsbewegung von Ali-Wali Mustafa Sayyid gegründet.
Schon 10 Tage nach Gründung kommt es zu ersten bewaffneten Aktionen. Diese sind es, die letztlich internationale Beobachter in die Region zwingen, deren Berichte zu einer Resolution der Vereinten Nationen führen, die das Recht der Saharauis auf Selbstbestimmung anerkennt.
Die UN fordert die Dekolonialiserung und ein Referendum.

Marokkanische Besatzung

Anstatt die Westsahara zu dekolonialisieren, übergibt Spanien die Westsahara im Oktober 1975 völkerrechtswidrig an Marokko und Mauretanien (Madrider Abkommen).
Daraufhin ziehen ca. 350.000 marokkanische Zivilisten mit dem Koran in der einen und grünen Fahnen in der anderen Hand in die Westsahara. Diese symbolische Landnahme wird oft als „grüner Marsch“ bezeichnet. Die Saharauis sprechen treffender von dem „schwarzen Marsch“. Denn es bleibt nicht bei unbewaffneten Zivilisten. Es kommt zu einer Invasion der Westsahara durch Marokkos Militär, die zur Flucht und Vertreibung des Großteils der saharauischen Bevölkerung führt.
„Schüttelt jeden Spanier, den ihr trefft, die Hände. Teilt euer Essen mit ihnen. Allen anderen schneidet den Kopf ab!“ lautete der Befehl.
Und so kommt es zu einem äußerst brutalem Vorgehen gegen Westsaharauis. Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben und Wasserquellen vergiftet, um Menschen die Lebensgrundlage zu entziehen.
Flüchtende Menschen werden von Marokko mit Napalm und weißem Phosphor angegriffen.
Im Westen befindet sich der Ozean, im Norden Marokko, im Süden und Westen das feindliche Mauretanien. Es gibt im Westen der Sahara nur eine kleine gemeinsame Grenze mit Algerien, welche den Flüchtenden offen steht.
Trotz der Sicherheit vor weiteren Angriffen, steht den Menschen hier ein hartes Leben bevor.
Mitten in der lebensfeindlichen Wüste, mit wenig Wasservorkommen und unfruchtbarem Boden beginnen vor allem westsaharauische Frauen eine Infrastruktur aufzubauen.
Sie organisieren die Geflüchtetencamps, die nun in der Wüste Algeriens im Süden der Oase Tindoufs entstehen. Sie organisieren Essen, kümmern sich um die Kinder und bauen Schulen auf.
Bis heute spielen Frauen eine sehr wichtige Rolle in der Selbstorganisierung und dem Kampf um die Befreiung der Westsahara.

Die Männer kämpfen derweil an zwei Fronten. Gegen Marokko und gegen Mauretanien.
Dabei kann Mauretanien erfolgreich zurückgedrängt werden, kapituliert und erkennt die Westsahara 1979 an.
Das Gebiet gerät jedoch größtenteils unter marokkanische Kontrolle.

1991 kommt es dann unter UN-Aufsicht zu einem Waffenstillstand zwischen Marokko und der Frente Polisario. Ein versprochenes Referendum zur Klärung der Besitzansprüche durch die Bevölkerung hat es bis heute nicht gegeben.
Weil Marokko die Vereinbarungen ignoriert und eine massive Militärmauer (den „Berm“) durch die Westsahara baut, kommt es 2005 erneut zu einer Intifada.

2010 wird ein großes Protestcamp „Gdeim Izik“ (Camp der Würde) nahe der Hauptstadt Al Aaiun errichtet. Innerhalb von wenigen Tagen wächst es von 10.000 auf 20.000 Menschen an. Die Forderungen sind Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnraum und natürlich ein Ende der Besatzung. Diese Proteste gelten auch als Beginn des arabischen Frühlings.

Der Protest wird brutal niedergeschlagen und die Menschen die von Marokko als Organisatoren verantwortlich gemacht werden, bekommen 20 Jahre bis lebenslängliche Haftstrafen.

Protestcamp „Gdeim Izik“ während der Räumung
Protestcamp „Gdeim Izik“ während der Räumung

2020 bricht Marokko den Waffenstillstand von 1991. Auch der bewaffnete Widerstand der Polisario wird erneut aufgenommen.

Die Menschen die heute in den besetzten Gebieten leben, leiden neben der aktiven Siedlungspolitik die Marokko in der Westsahara betreibt, zudem unter dem systematischen Rassismus, der Segregation und der Überwachung durch Siedler:innen. Proteste sind kaum möglich ohne massiven staatlichen Angriffen ausgesetzt zu sein. Internationale kritische Journalist:innen und Aktivist*innen dürfen die Gebiete nicht betreten und werden meist schon am Flughafen abgeschoben.

Die Ursachen für Besatzung und Kolonisierung

Die Geopolitische Weltlage hatte immer einen Einfluss auf die Bedingungen des Befreiungskampfes der Polisario. Am deutlichsten veränderten sich diese wohl mit der Zerstörung des Ostblocks. Trotz der weltweiten Verwerfungen gelang es den Polisario immer wieder Verbündete auch auf internationaler Ebene zu finden. In den letzten Jahren nehmen wir viele Entwicklungen und Handlungen geopolitischer Akteure wahr, die die Position Marokkos stärken und die Polisario isolieren. Aktuell wird im US Amerikanischen Kongress darüber beraten die Frente Polisario zur Terrororganisation zu erklären. Sollte dies geschehen, ist davon auszugehen, dass die Entscheidung auch Strahlkraft auf weitere Staaten haben wird und diese beeinflusst.

Besatzung der Westsahara durch Marokko

Die Zerstückelung der Westsahara

In Folge der Vertreibung und Unterdrückung findet das saharauische Leben und der Kampf um die Befreiung an verschiedenen geografischen Orten und unter verschiedenen Bedingungen statt.
Die besetzte Westsahara ist dabei der größte und ressourcenreichste Teil, der von Marokko kontrolliert wird. Westsaharauis sind polizeilicher und militärischer Repression, sowie der Justiz der Besatzer ausgesetzt.
Die Unterdrückung gegen die westsaharauische Kultur, die im spanischen Kolonialismus ihren Anfang fand, setzt sich hier fort. So auch der Kampf für ein selbstbestimmtes Leben. Trotz der immensen Repression kommt es immer wieder zu Versammlungen und Protesten. Und obwohl Marokko vieles daran setzt Dokumentations- und Öffentlichkeitsarbeit zu verunmöglichen, gelingt es Journalist:innen und Aktivist:innen immer wieder über die Situation und den Widerstand in den besetzten Gebieten zu berichten.
Offene politische Arbeit wird in den besetzten Gebieten brutal angegriffen und muss deshalb oft aus der Illegalität heraus organisiert werden. In den vielen Jahren des Kampfes um die Befreiung der Westsahara hat die Frente Polisario dort viele wichtige Strukturen aufgebaut, dazu gehören z.B. die Frauenunion, oder die saharauische Gewerkschaft. Auch ihre Arbeiten müssen innerhalb der besetzten Gebiete klandestin passieren. Geheimes Arbeiten ist also kein Alleinstellungsmerkmal für Angriffe auf Infrastrukturen (z.B. Funktürme) der Besatzung.
Dass trotz der Repression immer wieder erfolgreich Attacken durchgeführt werden können, macht die gute Organisierung in der Illegalität besonders deutlich.

Die befreiten Gebiete stellen nur einen kleinen Teil der Westsahara dar. Sie konnten durch den Guerilla Kampf befreit werden, sind abgetrennt von der Küste, bergen nicht so viele Bodenschätze wie der besetzte Teil und sind im wesentlichen mehr sandig als fruchtbar. Trotz, dass die Gebiete von den Polisario kontrolliert werden ist ein Leben dort kaum, oder nur sehr eingeschränkt möglich und sehr gefährlich. Dennoch ist es ein wichtiges Aktionsgebiet der Polisario. Das Land dort gilt als einer der Minenbelastetsten Orte weltweit. Minenräumungsprogramme, die überwiegend aus den selbstverwalteten Geflüchteten Camps aus Algerien heraus organisiert werden, werden immer wieder Opfer von marokkanischen Drohnenangriffen. Zudem greift Marokko auch immer wieder gezielt Zivilist*innen an. Marokkos Ziel hinter Luftschlägen auf z.B. Hirten und ihre Kamele, ist die Ressourcenschwächung der Westsaharauis in den befreiten Gebieten.

Die Geflüchteten Camps befinden sich auf algerischen Boden und werden von den Polisario selbstverwaltet. Hier leben etwa 160.000 Menschen. Mitten in der Wüste gibt es zwar genug Raum für so viele Menschen, aber viel mehr als Platz und Schutz vor unmittelbaren Angriffen Marokkos bietet eine so lebensfeindliche Umgebung wie die Wüste, nicht.
Dennoch hat die saharauische Gesellschaft, allen voran saharauische Frauen, hier mitten im Nichts gesellschaftlich relevante Strukturen aufgebaut, die neben kulturellen und sozialem Leben auch Bildung und Gesundheit ermöglichen.
Die politischen und Verwaltungsstrukturen, die hier offen arbeiten können und die Basis der selbstorganisierten Camps darstellen, sind auch eine wichtige Grundlage für den gesamten Kampf für die Befreiung der Westsahara. Materiell ist die Gesellschaft, die hier im Exil lebt, in weiten Teilen abhängig und auf Unterstützung von Außen angewiesen.

Saharauis leben in vielen Ländern der Welt und bilden eine Diaspora. Viele von ihnen sind dort politisch aktiv. Auch entsendet die Polisario gezielt Aktive in verschiedene Länder.

Der „Berm“ ist eine gigantische Militäranlage, die Marokko errichtet hat, um die Kontrolle der besetzten Gebiete gegen die Guerilla abzusichern. Er führte zur geografischen Spaltung und Isolation der saharauischen Gesellschaft. Zwischen 1980 und 1987 wurde die Anlage in verschiedenen Stufen errichtet, und erstreckt sich insgesamt auf über 2.700 Kilometer.
Der Berm ist keine einfache Mauer, er besteht aus verschiedenen Zonen. Er umfasst hohe Sand und Steinwälle, Mauern, Gräben und Panzersperren, Minenfelder (Schätzungsweise ca. 8-10 Millionen), Stacheldraht, Bunker, Stützpunkte und umfassende Überwachungssysteme. Ca. 150.000 einsatzbereite marokkanische Soldaten stehen bereit, um gegen die Guerilla vorzugehen.

Westsaharauis in marokkanischen Knästen

In marokkanischen Knästen zu sitzen, bedeutet nicht nur in überfüllten Knästen zu sitzen. Es bedeutet in Knästen zu sitzen, in denen Folter und Misshandlungen passieren.
In der marokkanischen Gesellschaft ist Rassismus gegenüber Westsaharauis weit verbreitet und spiegelt sich so auch hinter den Gefängnismauern wieder.
Gefangene sind anhaltenden systematischen Misshandlungen ausgesetzt. Der UN-Ausschuss gegen Folter listet Schläge, Ersticken, Elektroschocks, sexuelle Übergriffe, die Verweigerung medizinischer Versorgung und psychologische Folter, wie Morddrohungen und die Verweigerung menschlicher Kontakte in marokkanischen Gefängnissen, auf.
Dazu kommt, dass der Zugang zu Rechtsbeiständen für saharauische Gefangene behindert wird. Für Saharauis ist es oftmals nicht leicht nach oder innerhalb Marokkos und den besetzten Gebieten zu reisen, so sind Besuche schwierig. Zusätzlich werden Familien auch regelmäßig Besuche verweigert und Gefangene dürfen oft nicht telefonieren.
So gibt es wenig Lichtblicke in den dunklen, schlecht belüfteten Zellen, in denen Feuchtigkeit, Schimmel und Ungeziefer sich ungehindert ausbreiten können. Die Gefangenen bekommen bewusst nährstoffarme, rationierte Nahrung um sie zu erschöpfen. Doch den Widerstand brechen vermag das marokkanische Knastsystem trotzdem nicht. Immer wieder gibt es Hungerstreiks und trotz des Wissens um die katastrophalen Bedingungen in marokkanischer Haft und der Möglichkeit willkürlich dort zu landen, (teilweise sogar ohne jegliches Verfahren) bricht der Widerstand auch außerhalb der Gefängnismauern nicht ab.
Viele saharauische Gefangene sind politische Gefangene. So z.B. viele Mitglieder der Studenten Gruppe Al Wali, die sich seit 2014 für die Rechte saharauischer Studierender in Marokko organisiert. Seit 2010 sitzen die Menschen in Haft, die Marokko für die Führung des friedlichen Protestcamp Gdeim Izik verantwortlich gemacht hat. Die Urteile die gegen sie gesprochen wurden, stützten sich alle auf Aussagen, die unter Folter erzwungen wurden. Yahya Mohamed Elhafed Iaaza hat wegen einem Geständnis unter Folter 15 Jahre Haft bekommen. 2020 war er für mehrere Wochen verschwunden. Ihm wurde die Organisation einer Demo unterstellt, die den Tod eines Polizisten zur Folge hatte, aber an der er nicht einmal teilnahm. Die Liste der politischen saharauischen Gefangenen in marokkanischen Knästen ließe sich leider noch lange fort führen. Sie alle leiden unter schlechten Haftbedingungen, viele dürfen keinen Besuch empfangen und nicht telefonieren. Viele leisten auch im Knast Widerstand. Für Viele, so auch für die Gdeim Izik Gefangenen sind Hungerstreiks ein Mittel.
Letztes Jahr gab es auch von zivilen saharauischen Gefangenen einen Warnhungerstreik, nachdem ihnen Telefonate verboten wurden. Manche Gefangene verzichten als Protest auch auf ihre marokkanische Staatsbürgerschaft.
Unterstützung bekommen die Gefangenen unter anderem von AFAPREDESA – Die Vereinigung der Familien der saharauischen Gefangenen und Verschwundenen.

Solidaritätsrundreise in die Westsahara

Seit 2024 organisieren die Polisario gemeinsam mit solidarischen Genoss:innen jährliche Solidaritätsreisen in die selbstverwalteten Geflüchteten Camps. Die Reisen dienen der Stärkung der internationalen Solidarität und dem kennenlernen der Situation vor Ort, den politischen Strukturen und dem Widerstand. Gemeinsam mit anderen Sozialist:innen, Kommunist:innen und Anarchist:innen aus dem deutschsprachigen Raum waren wir Teilnehmende der Delegation in diesem Jahr. Während unserer Zeit dort haben wir bei saharauischen Familien im Camp „Smara“ gelebt, dort leben ca. 40.000 Vertriebene. Wir haben innerhalb des Autonomiegebietes das Leben in den Geflüchtetencamps mitten in der Wüste, und die gesellschaftliche, soziale und politische Organisierung der Saharauis innerhalb der Polisario kennengelernt. Vor allem durch die gemeinsame Zeit und den Austausch mit unseren Gastfamilien konnten wir erleben welch gravierende Folgen die Besatzung im Leben der Menschen nach sich zieht. Viele haben von ihren Erfahrungen berichtet, bei denen es oft um Vertreibung, erzwungene Trennung, Verluste von geliebten Menschen, aber auch den Widerstand ging. Viele Männer die wir trafen befanden sich auf Fronturlaub. Das Leben in den Camps ist geprägt von materieller Armut. Eine Ökonomie oder Landwirtschaft kann unter den Bedingungen der Abschottung und der Umwelt dort kaum entstehen.
Die Polisario Front wurde als kommunistische Guerillabewegung gegründet. Heute organisieren die Menschen innerhalb der Polisario Front neben dem Militärischen auch alle anderen gesellschaftlichen Bereiche. In den Camps wurden unter widrigsten Bedingungen eine Gesellschaft im Exil aufgebaut, die in einem Rätesystem organisiert ist. Politisch vereint die Polisario heute kommunistische, islamische und liberale Kräfte und verfolgt den demokratischen Sozialismus. Wir hatten bei unseren täglichen Unternehmungen Gelegenheit Institutionen aus verschiedenen Bereichen kennenzulernen und mit den dort aktiven Menschen zu diskutieren. Unter anderem waren wir beim Sitz des Volksrates, in sozialen Einrichtungen, der Frauenunion und einem Gewerkschaftstreffen. Wir konnten an einer Solidaritätsdemonstration für die politischen Gefangenen teilnehmen und viel über die Geschichte und Gegenwart der Westsahara lernen.

Solidarität mit der Westsahara: 50 Jahre Besatzung und Widerstand

Der Kampf um die Westsahara findet wenig Aufmerksamkeit in der internationalistischen Linken und darüber hinaus. In Deutschland ist innerhalb der letzten zwei Jahre eine Vernetzung entstanden, die gemeinsam eine stärkere Solidaritätsarbeit organisieren möchte. Dafür ist es zentral ein stärkeres Bewusstsein für die Situation, die Geschichte und die Kämpfe der Saharauis zu schaffen. Dies passiert zum Beispiel durch veröffentlichte Interviews, Radio-, Medien- und Textbeiträge sowie verschiedene Veranstaltungen. Diese Öffentlichkeitsarbeit wird auf absehbare Zeit die wichtigste Aufgabe und eine Voraussetzung für eine breite Solidaritätsbewegung sein. In unseren Kontexten und Ländern vom Kampf der Saharauis zu berichten war das zentrale Anliegen, welches uns während unserer Reise immer wieder entgegengebracht wurde.
Die Solidaritätsreisen finden voraussichtlich auch in den nächsten Jahren statt und ermöglichen es Interessierten unmittelbar mit dem Thema in Berührung zu kommen und vom Kampf und der Situation der Saharauis zu erfahren, Menschen kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen. Diese Reisen und der Kontakt mit Aktiven der Polisario sind eine Möglichkeit Anknüpfungspunkte für eine weitergehende Praxis zu finden. Eine Diskussion und einen Austausch über Aspekte einer Solidaritätspraxis in der internationalistischen Bewegung findet statt und sollte weiter stattfinden. Wie könnte z.B. eine Solidaritätspraxis mit den Gefangenen, die weitestgehend isoliert sind und über deren Situation wir deshalb zum Teil kaum etwas wissen, aussehen? Und ein Austausch zudem unmöglich ist.
Gibt es die Möglichkeit und ist es sinnvoll an Projekten/Strukturen in der Westsahara zu partizipieren und diese zu unterstützen?
Wo können wir unsere Kämpfe verbinden? In unseren antikapitalistischen, antimilitaristischen und den Klimakämpfen gibt es viele Ansatzpunkte dafür. Das Bündnis „End Cement“ aus Heidelberg hat beispielsweise in der Vergangenheit immer wieder mit Aktionen auf das Handeln des Unternehmens „Heidelberg Materials AG“ in der Westsahara aufmerksam gemacht. Viele weitere Profiteure der Ausbeutung können jedoch nach wie vor weitgehend unbehelligt agieren.
Dieses Jahr jährt sich der marokkanische Einmarsch in die Westsahara zum 50. mal. Im Herbst werden aus diesem Anlass vom 31.10.25 bis zum 14.11.25 bundesweite Aktionstage zur Westsahara stattfinden. In diesem Rahmen wird es eine Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungen, Demonstrationen und weitere Aktionen in verschiedenen Städten geben. Details dazu werden zeitnah veröffentlicht. Solidarische Strukturen sind eingeladen sich an den Aktionswochen zu beteiligen und sich auf diese zu beziehen. Veranstaltungen sind unter anderem in Frankfurt, Berlin, Heidelberg, Leipzig und in weiteren Städten geplant.

Sahara Libre!

Kontakt: westsahara-soli-le@riseup.net